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Die größten und wichtigsten Probleme des Lebens lassen sich nicht lösen. Man kann ihnen lediglich entwachsen.
Schwester Jessica, privater Tagebucheintrag
Ein leichter tropischer Regen fiel, als die Überlebenden der älteren Schwertmeister die trümmerübersäte Fläche betraten, die kaum noch Ähnlichkeit mit dem historisch bedeutenden Zentralplatz der Schule von Ginaz hatte.
Duncan Idaho begleitete sie. Er hatte sein zerrissenes Hemd weggeworfen. Hiih Resser trug seins noch, obwohl es mit Blut getränkt war – das zum größten Teil nicht sein eigenes war. Beide waren jetzt richtige Schwertmeister, aber sie hatten nicht das Bedürfnis, diesen Triumph zu feiern.
Duncan wollte nur nach Hause, nach Caladan.
Obwohl der Überraschungsangriff der Grummaner schon einen Tag zurücklag, arbeiteten immer noch Rettungsteams in den Trümmern und suchten mit Spürhunden und trainierten Frettchen nach Lebenszeichen. Aber es gab nur wenige verschüttete Überlebende.
Der einstmals hübsche Springbrunnen auf dem Platz war völlig zerstört worden. In der Luft hing der Gestank nach Feuer und Tod und wurde auch nicht von der frischen Meeresbrise vertrieben.
Die Moritani-Soldaten hatten lediglich einen Blitzüberfall geplant, bei dem möglichst viel Schaden angerichtet werden sollte. Auf einen längeren Kampf hatten sie sich nicht vorbereitet – dazu hätten sie auch gar nicht den nötigen Mut aufgebracht. Kurz nachdem die Kämpfer von Ginaz die Verteidigung organisiert hatten, waren die Grummaner geflüchtet und hatten ihre gefallenen Kameraden zurückgelassen. Sie gaben ihre beschädigten Flugzeuge auf und eilten zu den wartenden Fregatten zurück. Zweifellos hatte Graf Moritani längst eine Rechtfertigung seiner abscheulichen Taten in der Öffentlichkeit verbreitet – und insgeheim seinen Überfall gefeiert, auch wenn er dabei viele Männer verloren hatte.
»Wir studieren und lehren den Kampf, aber Ginaz ist kein Militärplanet«, sagte Whitmore Bludd. Ihm war kaum noch anzusehen, dass seine Kleidung einmal von ausgesuchter Qualität gewesen war. »Wir bemühen uns, in politischen Angelegenheiten neutral zu bleiben.«
»Wir haben uns in Sicherheit gewähnt und sind nachlässig geworden«, sagte Jeh-Wu, der seinen Sarkasmus ausnahmsweise gegen sich selbst richtete. »Wir hätten jeden neuen Schüler getötet, der mit einer derartig blinden Arroganz zu uns gekommen wäre. Und wir sind selbst daran schuld.«
Todmüde betrachtete Duncan die Männer, die einmal so stolz gewesen waren und nun völlig am Boden zerstört schienen.
»Ginaz hätte niemals zum Ziel eines Angriffs werden dürfen.« Rivvy Dinari bückte sich und hob ein verbogenes Stück Metall auf, das einmal zu einer komplizierten Uhrwerkskulptur gehört hatte. »Wir dachten ...«
»Sie dachten!«, fiel Duncan ihm ins Wort und erhielt keine Antwort auf diesen Vorwurf.
* * *
Duncan und sein rothaariger Freund brachten die Leiche von Trin Kronos zum Strand und warfen sie in der Nähe des Ausbildungszentrums in die tosende Brandung – an derselben Stelle, wo die Entführer die Leichen der vier getöteten Schüler über Bord geworfen hatten. Die beiden jungen Männer hielten es für eine angemessene Geste, aber sie fühlten sich danach keinen Deut besser.
Nun inspizierten die Kämpfer kopfschüttelnd das verwüstete Verwaltungsgebäude. Duncan schwor sich, niemals zu vergessen, welche schrecklichen Folgen die Arroganz der Schwertmeister gezeitigt hatte. Seit Jahrtausenden waren die Gefahren der Hybris bekannt, dass Hochmut vor dem Fall kam. Hatten die Menschen überhaupt nichts dazugelernt?
Wie seine Begleiter trug Duncan nun die khakifarbene Uniform und das rote Stirnband eines Schwertmeisters. Sie alle hatten sich ein schwarzes Band um den linken Oberarm geschlungen, um die über hundert Schwertmeister zu ehren, die beim Moritani-Überfall ums Leben gekommen waren.
»Wir haben uns darauf verlassen, das die imperialen Gesetze uns schützen«, sagte ein verletzter Mord Cour mit schwacher Stimme. Er erinnerte kaum noch an den Mann, der die Schüler in Epik, Dramatik und Lyrik unterrichtet und sie zum Weinen gebracht hatte, wenn er legendäre Geschichten vortrug. Seine Arme waren verbunden. »Aber die Grummaner haben sich nicht darum geschert. Sie haben unsere heiligsten Traditionen mit Füßen getreten und auf die Ehre des Imperiums gespuckt.«
»Nicht jeder hält sich an die Regeln«, sagte Duncan, ohne seine Verbitterung verbergen zu können. »Das hat Trin Kronos selbst gesagt. Wir haben ihm einfach nicht zugehört.«
Rivvy Dinaris wabbeliges Gesicht errötete.
»Man wird den Moritanis einen Verweis erteilen«, sagte Jeh-Wu mürrisch. »Sie müssen eine Strafe zahlen, vielleicht verhängt man ein Embargo – doch ansonsten werden sie unbehelligt bleiben und über uns lachen.«
»Niemand wird mehr Respekt vor der Kompetenz von Ginaz haben«, knurrte Bludd. »Die Schule wurde entehrt. Unser Ruf hat einen nicht wieder gutzumachenden Schaden erlitten.«
Mord Cour starrte in den dunstigen Himmel, während sein langes graues Haar wie ein Leichentuch an seinem Kopf hing. »Wir müssen die Schule wieder aufbauen. Genauso wie es die Anhänger von Jool-Noret taten, nachdem ihr Meister ertrunken war.«
Duncan musterte den alten Schwertmeister und erinnerte sich an das abenteuerliche Leben des Mannes – wie sein Heimatdorf ausradiert wurde, wie er in der Wildnis der Berge von Hagal überlebt hatte und zu den Banditen zurückgekehrt war, die seine Familie und seine Nachbarn auf dem Gewissen hatten, und wie er sich an ihnen gerächt hatte. Wenn irgendjemand es schaffte, die Schule wieder zu dem zu machen, was sie einmal gewesen war, dann Cour.
»Wir werden nie wieder so hilflos sein«, versprach Rivvy Dinari mit tief bewegter Stimme. »Unser Premier hat versprochen, zwei Kampfeinheiten auf Ginaz zu stationieren, und wir bekommen ein Geschwader Mini-U-Boote, die im Wasser patrouillieren sollen. Wir sind Schwertmeister und üben rechtschaffen unsere Kunst aus. Dieser Feind hat uns völlig überrascht. Wir sind beschämt.« Mit eleganter Bewegung trat er gegen ein Stück Metall und ließ es ein Stück durch die Luft segeln. »Die Ehre schwindet dahin. Was ist aus dem Imperium geworden?«
Nachdenklich wich Duncan einer großen Blutlache auf dem Pflaster aus. Sie glänzte im warmen Regen. Resser sah sie sich genauer an, als könnte er auf diese Weise irgendwelche Informationen gewinnen, ob das Opfer ein Feind, ein Verbündeter oder ein unschuldiger Zivilist gewesen war.
»Jetzt müssen viele Fragen gestellt werden«, sagte Bludd mit einer Spur von Besorgnis. »Wir müssen den Dingen auf den Grund gehen, um herauszufinden, was wirklich geschehen ist.« Er pumpte seinen Brustkorb auf. »Und wir werden Antworten finden. Zuerst bin ich Soldat und an zweiter Stelle Lehrer.«
Seine Gefährten brummten zustimmend.
In einem Trümmerhaufen sah Duncan etwas glitzern und näherte sich der Stelle. Er zog ein silbernes Armband heraus und wischte es an seiner Hose ab. Es war mit winzigen Anhängern besetzt, die Schwerter, Heighliner oder Ornithopter darstellten. Er kehrte zu den anderen zurück und reichte es Dinari.
»Wollen wir hoffen, dass es nicht einem Kind gehört hat«, sagte der korpulente Mann.
Duncan hatte bereits vier tote Kinder gesehen, die man aus den Trümmern gezogen hatte, die Söhne und Töchter von Angestellten der Schule. Die endgültige Zahl der Todesopfer musste mehrere tausend betragen. Ließ sich all dies auf eine einzige Beleidigung zurückführen, als man die Schüler von Grumman aus der Schule verstoßen hatte, was eine gerechtfertigte Reaktion auf den Angriff des Hauses Moritani gegen unschuldige Zivilisten von Ecaz war ... der wiederum durch den Mord an einem Botschafter während eines Banketts auf Arrakis ausgelöst worden war ... der wiederum durch den Verdacht einer landwirtschaftlichen Sabotage provoziert worden war?
Die Schüler von Grumman hatten selbst entscheiden können, ob sie bleiben oder gehen wollten. Es war alles so sinnlos. Trin Kronos war deswegen zu Tode gekommen, und viele andere ebenfalls. Wann würde es aufhören?
Resser beabsichtigte immer noch, nach Grumman zurückzukehren, obwohl ein solches Vorhaben an Selbstmord zu grenzen schien. Er wollte sich dort seinen Dämonen stellen, und Duncan hoffte, dass er die Begegnung überlebte und irgendwann den Weg zu Herzog Leto Atreides fand.
Einige Schwertmeister hatten halbherzig vorgeschlagen, ihre Dienste als Söldner für Ecaz anzubieten. Andere bestanden darauf, dass zuerst ihre Ehre wiederhergestellt werden musste. Auf Ginaz wurden fähige Kämpfer benötigt, um die Schule neu zu begründen. Die berühmte Akademie würde Jahre brauchen, bis sie sich erholt hatte.
Duncan empfand große Wut und Trauer angesichts dessen, was hier geschehen war, doch an erster Stelle fühlte er sich Herzog Leto Atreides verpflichtet. Acht Jahre lang war Duncan wie ein gutes Schwert im Feuer geschmiedet worden. Und dieses Schwert gehörte dem Haus Atreides.
Er würde nach Caladan zurückkehren.